Performative Wissenschaft

Forschung zwischen Kunst und Wissenschaft
Von Hans H. Diebner

Die Performative Wissenschaft als eine Forschung zwischen Kunst und Wissenschaft lebt von der Differenz der beiden Kulturwelten. Gleichwohl ist eine Eigenschaft einer Schnittstelle die evozierte ontologische Indifferenz der beiden Halbwelten, zwischen denen doch nur vermittelt werden soll. Dies ruft Advokaten jener Halbwelten auf den Plan. Der Rumpelstilzchen-Effekt, dass nämlich das Rettende und das Anmaßende zugleich sich selbst in der Mitte zerreißt, wenn es mal beim Namen genannt wurde, greift Platz.

"Sie küßten und sie schlugen ihn." Die Auseinandersetzung mit einer Episteme zwischen Kunst und Wissenschaft erfordert eine dicke Haut, obwohl, oder vielleicht gerade weil ich mich von der unsäglichen Idee einer dritten Kultur distanziere. 400 Streiche sind hier keineswegs genug, um in den Kreis der Durchlauchtigsten der Dritten Kultur zu gelangen, die ihre Wassersuppe vor Substanz bewahren wollen.

Kunst als Wissenschaft oder Wissenschaft als Kunst oder beides gleichzeitig, also Kunst=Wissenschaft: Das sind nur verschiedene Weisen, das Eigentliche mit dem Uneigentlichen zu verwechseln. Goethe scheint wohl einer der Wenigen gewesen zu sein, denen eine Harmonie zwischen Kunst und Wissenschaft gelungen ist. Sein Gedicht Ginkgo Biloba schließt mit den Worten: "Fühlst du nicht an meinen Liedern, Dass ich eins und doppelt bin?" Der Wissenschaftshistoriker Walter Saltzer schreibt in seinem Aufsatz [1] zu Goethe nach der Zitation des Gedichtes "Ginkgo Biloba" aus dem West-Östlichen Diwan, also Goethes Buch der Versöhnung der Kulturen:
Das geteilte, symmetrisch vereinte Ginkgo-Blatt - ein treffliches Symbol für den Künstler und Naturwissenschaftler Goethe. Kunst und Naturwissenschaft in einem! Geht das überhaupt zusammen? Oder im Ende vielleicht doch nicht? Sollte die letzte Zeile des Gedichtes dann nicht eher lauten, 'dass ich geteilt und halb nur bin'.
Und in Bezug zum historischen Präzedenzfall Lucretius, führt er weiter aus:
Der Idealfall der [Freudschen] Theorie wäre dann der Suizid aus innerer Zerissenheit, vorexerziert an der vermeintlichen Vita des naturbeseelten Poeten und zugleich glühenden Verfechters eines atomistischen Weltbildes, Titus Lucretius Carus. Natürlich ist der Suizid des Lucretius eine Erfindung aus Mode, und von einem suizidalen Ende bei Goethe weiß wohl auch der intimste Kenner nichts.
Gibt es eine Brücke zwischen Kunst und Wissenschaft? Nicht, wenn man einen ontologischen Standpunkt einnimmt. Heidegger sagt, "... es gibt hier keine Brücke sondern nur den Sprung." Performative Wissenschaft ist demnach der Name für das Aushalten der Zerissenheit. Keine Brücke. Aber vielleicht eine Fähre. Eine Fähre, die bei jeder Rückkehr zur anderen Seite ein wenig abgedriftet wurde.


[1] Walter Saltzer: Goethe - Naturwissenschaft, Kunst und Welterleben komplementär. In: Alfred Schmidt und Klaus J Grün (Hrsg.): Durchgeistete Natur: Ihre Präsenz in Goethes Dichtung, Wissenschaft und Philosophie. Peter Lang Verlag, Frankfurt 1999.